Daniel Twardowski
Daniel Twardowski

Land ohne Nacht

 

Der Nebel hing zäh am Meer oder das Meer am Nebel, als wollte eins vom anderen nicht lassen. Seit Stunden hatte ihr Radar das Boot erfaßt, einen leuchtenden Punkt auf dem Bildschirm verfolgt, versuchten sie, seinen Kurs zu berechnen, seine Pläne zu durchkreuzen. Aber entweder die anderen konnten nicht steuern, oder aber sie machten es sehr gut. Das Boot schien immer wieder auszuweichen. Mehrfach, wenn sie den Instrumenten zufolge den anderen so nahe waren, daß die Gefahr bestand, sie zu rammen und zu versenken, ließ der Kommandant die Maschinen drosseln, standen alle Mann an Deck und horchten in die Runde. Manche mit geschlossenen Augen, weil im Nachtnebel, Morgennebel ohnehin nichts zu sehen war. Aber sie hörten nichts, nicht einmal den Schlag von Rudern. 

 

Außer seinem Bassari-Dialekt verstand Bou-Lai das Mande-Fu, Mande-Tan und ein wenig Ful. Bis die Sache mit seinen Ohren begann. Als die Sache mit seinen Ohren begann, war Bou-Lai bereits ein Mann, hatte einen Monat draußen im Busch gelebt, wilde Tiere gejagt, getötet und gegessen. Sein Penis war beschnitten worden und seine Großmutter hatte ihn mit einem Jagdbogen zum Kamara, einem vollwertigen Clanmitglied gemacht. Für ein Gewehr reichte das Geld nicht, zu viele junge Männer waren gleichzeitig erwachsen geworden. Nur die besten bekamen Gewehre und durften wahrhaftig jagen. Bou-Lai wurde zu den Bauern gesteckt, auch wegen seiner Ohrgeschichte. Also baute er Fonio an und weinte manchmal heimlich vor Wut.

    Zuerst taten seine Ohren innen weh und juckten. Vor allem das Jucken machte ihn verrückt, denn es juckte weit innen in seinem Kopf. Nur wenn er mit beiden Mittelfingern fest und rhythmisch gegen seine Ohrlöcher drückte, wurde es manchmal besser. Aber nicht oft. Als er merkte, daß er nicht mehr alles hörte, was die anderen hören, lief er die siebzig Kilometer nach Kedougou, wo es einen Arzt gab. Der Arzt war ein Wolof und steckte etwas in Bou-Lais Ohren. Das Jucken hörte auf, aber dafür hörte er jetzt fast gar nichts mehr. Schon auf dem Rückweg zog er deshalb die Dinger, glitschige weiße Fäden, wieder heraus. Er überlegte, ob er sie in seinen Gris-Gris, den Amulettbeutel an seinem Hals, legen sollte, aber er fand sie zu eklig. Außerdem  hatten sie zu wenig mit ihm zu tun. Bou-Lai warf sie fort, und eine Weile ging alles gut. Erst, als es wieder schlechter wurde, wünschte er, er hätte sie nicht weggeworfen.

    Als es wieder schlechter und dann immer schlechter wurde, stellten sie Bou-Lai sogar beim Fußballspielen ins Tor, weil er da nichts hören mußte, sondern alles vor sich hatte. Bis dahin hatte er lieber Tore geschossen als welche zu verhindern, und nun machte ihm auch das Fußballspielen keinen Spaß mehr. Er wurde verdrossen, und das sah man ihm auch an. Er haßte die Jungen, weil sie über Witze lachten, die er nicht hören konnte. Er haßte die Mädchen, weil sie ihn nicht ansahen, die Arbeit auf dem Feld, die Jäger im Busch, die Alten, weil sie alles entschieden und Alles, weil Alles entschieden war. Er haßte den Horizont, weil er immer gleich war und wünschte sich insgeheim, wofür es in der Sprache seines Clans gar kein Wort gab: wegzugehen für immer.

 

Nach zwei, drei sinnlosen Anläufen stand außer Frage, daß das fremde Boot trieb und offensichtlich in Seenot war. Das hieß, daß sie jetzt keine Wächter mehr, sondern Retter waren, und das ließen sie die anderen auch wissen. Sie riefen sie über Lautsprecher an, in den Nebel hinein, in allen Sprachen die sie kannten.

    Jeden Augenblick glaubten sie, hofften sie, es auftauchen zu sehen aus der Nacht, und fürchteten sich doch vor dem, was sie finden würden. Ein Geisterschiff, ein schwimmender Sarg, eine Nußschale voller Leichen. Schließlich standen sie nur noch auf und ab, bei langsamer Fahrt und warteten auf den Tag. 

    Die Sonne machte den Nebel heller, konnte ihn aber nicht auflösen. Als noch um halb Neun die Spitzen der Wellen im Himmel verschwanden, waren sie des Rufens und Suchens gründlich müde. Deshalb spielten sie Britney Spears und Madonna, laut hinaus übers Radio, auch gegen die eigene Angst. Sollten doch die anderen sie finden! In den Pausen, zwischen den Titeln, machten sich zwei Soldaten einen Spaß daraus, durch die Hände zu heulen wie die Verdammten, weil sie wußten, daß viele der Afrikaner abergläubisch waren. Von ihrem Offizier zur Rede gestellt, entschuldigten sich damit, daß die anderen sich dann vielleicht ja aus Angst melden würden. Das leuchtete ein und nun schalteten sie hin und wieder ihre Sirene an. Europa machte Lärm. Aber auf dem Meer, im stockenden Nebel blieb alles still.

 

An den Touristen, die in ihren Jeeps aus dem Niokola-Koba Nationalpark herunterkamen, ließ sich fast genauso viel verdienen, wie der Verkauf von Hirse und Fonio auf den Märkten von Salemata, Tiankoye und Bandafassi einbrachte. Die Alten hatten schon vor langer Zeit entschieden, daß diese Menschen keine Gäste, sondern auf ihre Art Beute waren. Sie durften betrogen werden. Das begann damit, daß die jungen Männer und Frauen Shorts, Wickelröcke und T-Shirts auszogen und die traditionelle Kleidung anlegten. Bou-Lai war das immer schon unangenehm gewesen, den ‚traditionell‘ hieß: für die Männer nicht mehr als ein Penisfutteral und den Tanzkopfschmuck. Die Mädchen trugen immerhin Röcke aus geflochtenen Borassusblättern. Einerseits fand er es schön, die Brüste der Mädchen zu sehen. Andererseits war es ihm peinlich, mit nacktem Hintern herumzutanzen.

    Sie rächten sich, indem sie den Touristen, meist Europäern aus Frankreich und Deutschland, ein tolles Zeug vorlogen, über irgendwelche geheimen Tänze, Riten und Feste, die nur einmal im Jahr stattfänden. Je seltener und geheimer, desto größer waren die Geschenke, die sie erhielten. Also rollten sie mit den Augen, fuchtelten mit Armen und Beinen und sangen Lieder, die die Fulbe- und Malinkeführer aus dem Park nicht zu übersetzen wagten: „Die Weiße schwitzt und schwitzt und schwitzt! Ihre Möse ist rot wie ein Pavianarsch! Ihre Fürze stinken nach Geld!“ Und die blonde Frau im Touristenkhaki, der diese Gemeinheit galt, stand lächelnd dabei und gab ihnen noch Geld dafür. Sogar ihr Kopf nickte im Rhythmus, es war zum Schreien.

    Manchmal, wenn er ein bißchen verdient hatte, ging Bou-Lai mit anderen jungen Männern nach Oubadji, denn dort gab es eine Bar mit Fernseher. Sie tranken Cola und französisches Bier, sahen Fußball und redeten über Europa. Daß man in Europa an einem einzigen Tag soviel Geld verdienen konnte, wie hier, in den Vorbergen des Futa Djalon, im ganzen Jahr. Einer der Park-ranger, ein Serer aus Tambacounda, der sogar autofahren konnte, war dort gewesen. Europa sei ein Land ohne Nacht, sagte er, und er meinte das ernst: sie hätten dort so viele Lampen und Lichter, daß es nie wirklich dunkel würde. Sogar der Himmel würde mit großen Scheinwerfern angestrahlt, so daß man die Sterne nicht mehr sähe. Er war in Paris gewesen.

    Leider verstand Bou-Lai da schon nicht mehr alles. Aber eines verstand er: daß es in Europa Ärzte gäbe, die Hände und ganze Arme wieder annähen könnten. Die müßten doch auch seine Ohr-Sache heilen können. „Welche Sprache spricht Europa?“ fragte er, weil er sich schon dachte, daß er mit Bassari, Mande und seinen paar Brocken Ful dort nicht weit kommen würde.

 

Das Boot kam erst gegen Mittag in Sicht, zwischen zwei Wellen. Es lag sehr tief im Wasser. Die Marinesoldaten schüttelten die Köpfe und machten schmale, skeptische Münder, so vollgeschlagen war es. Leute damit aufs Meer zu schicken, war Mord. Und dann so viele!

    Schon durchs Glas hatten sie gesehen, daß da drüben noch welche lebten. Jetzt reckten sich Dutzende Arme, hoben sich dunkle Köpfe, kam so viel Bewegung ins Boot, daß die Gefahr bestand, es würde ganz zuletzt kentern. Als sie hineinsehen konnten, hielten sie den Atem an. Einige legten die Hand auf den Mund, rieben sich Kinn und Wangen vor Nervosität. Man sah den Boden nicht mehr. Nur Körper, Gliedmaßen, durch-, übereinander. Ein Mann im Bug fing die Leine auf, die sie im zuwarfen, aber anstatt sie irgendwo fest zu machen, wickelte er sie um sein Handgelenk.

    „Festholen! Festholen!“ schrien die Soldaten wild gestikulierend. Im letzten Moment kapierte der Mann und legte die Leine um eine Ducht. Die Fahrt des Küstenwachschiffes reichte aus, um das Holz aus seiner Verankerung zu ziehen – ihm hätte sie die Hand abgerissen. Fender wurden ausgebracht und das Boot schwoite langsam, bis sie Seite an Seite lagen. Fast sofort schlug denen oben der Gestank von Kotze, Scheiße und Tod entgegen. „Mein Gott“, sagte einer, „wie lange sind die unterwegs?“

 

Nach Tamba ging er wieder zu Fuß. Es waren zweihundert Kilometer und es dauerte acht Tage, weil er das Land jenseits des Gambia nur schlecht und jenseits des Parks überhaupt nicht kannte. Bou-Lai mußte den Straßen folgen, auf seinem Weg nach Europa. In Tambacounda kaufte er sich deshalb zuerst neue Schuhe. Hier hörte er auch zum ersten Mal, wieviel all das kosten würde und wäre am liebsten wieder umgekehrt. Aber er war jung, keine zwanzig, er war stark und würde irgendeine Arbeit finden. Zuhause erwartete ihn nur ein Leben voller Fonio und Gelächter, voller Entschlüsse der Alten, die Mädchen, die ihn nicht ansahen, die Touristen, die ihm Geld und alte T-Shirts schenkten, wenn er als nackter Wilder herumsprang.

    Mit einem guten Dutzend anderer junger Männer aus dem Osten, fuhr er oben auf einem Güterzug nach Dakar. Dort sah er zum ersten Mal das Meer, dort sprach er zum letzten Mal seine Bassari-Sprache: mit einem Bedik aus Koundara, der seit fünfzehn Jahren hier lebte und es bis zum Vorarbeiter einer Konservenfabrik gebracht hatte. Seine Kinder würden studieren, seine Kinder würden in Europa leben.

    Nach anderthalb Jahren sprach Bou-Lai ein bißchen Französisch, aber seine Ohren waren immer schlechter geworden. Wäre die Sache mit seinen Ohren nicht gewesen, wäre er vielleicht hier geblieben. Er verdiente in der Fabrik und mit dem Schrott, den er Abends und an den Wochenenden verkaufte, genug Geld um zu leben, zu sparen und sogar noch alle paar Wochen mit einer Hure zu schlafen. Anderen jungen Männern ging es schlechter. Aber Bou-Lai hätte gerne mit ihnen getauscht, wenn er dafür ihre Ohren bekommen hätte. Er mußte nach Europa, wenn er überhaupt irgendwann wieder richtig hören wollte – oder in einer Welt leben, in der Hören weniger wichtig war, wenn man nur Geld hatte.

    Bou-Lai kannte jetzt die drei Wege, die nach Europa führten. Mit einem der Containerschiffe die im Hafen lagen direkt nach Marseille, Bordeaux oder Hamburg: der billigste, aber auch der gefährlichste Weg. Es kursierten Gerüchte über ganze Familien, die auf den Schiffen, in den Containern verhungert, verdurstet oder erstickt waren. Und eine seiner Huren, ein hübsches junges Mädchen, das, in der Stadt und für die Stadt geboren, nicht einmal mehr wußte, zu welchem Volk sie gehörte, erzählte noch etwas Schlimmeres. Wie ein philippinischer Seemann mit sehr rundem Bauch und sehr kleinem Schwanz sich im Bett damit gebrüstet hatte, daß blinde Passagiere auf hoher See einfach über Bord geworfen würden.

    Die andere Route führte direkt nach Norden, durch die große Sandwüste, durch Marokko und endete an Spanienes afrikanischen Grenzen, einer Mauer, fünf Meter hohen Zäunen, Stacheldraht und Hundegebissen. Für zweitausend Franc bekam man drei Versuche, durfte sich über Monate hin drei Mal in die lange Reihe derer stellen, die es mit Leitern und Drahtscheren jede Nacht aufs Neue versuchten. Beim ersten Mal, hieß es, kam man bis an die Mauer. Beim zweiten Mal hörte man Europa bellen. Nach dem dritten Versuch schickten einen die Marokkaner in die Wüste zurück.

    Der letzte Weg war der längste, der teuerste, aber sicherste. Über Mali, Algerien, Libyen. Sie nannten ihn ironisch: die Ralley Dakar-Paris.

 

Die Geretteten klammerten sich an das Schiff, an die ausgeworfenen Leitern, als wollten sie es in die Tiefe ziehen. Die Männer in ihren sauberen Uniformen wichen vor dem unerwartet wilden Ansturm ein wenig zurück. Sie riefen, sie gestikulierten, sie brüllten Befehle. Und als alles nichts half, feuerte einer mit seiner Maschinenpistole schräg in die Luft. Das verstanden die Afrikaner und fielen zurück, wie ein Mann, der sich im Todeskampf noch einmal aufgebäumt hat. Die Uniformen, die Gesten, Kopfschütteln, gebellte Befehle, grimmige junge Gesichter und schließlich die Waffen und ihr Feuer, all das hieß: NEIN! und: GEHT WEG!

    Es sollte nur ‚Langsam!‘ heißen. Kein Chaos in Europa, nicht drängeln, einer nach dem anderen, alles wird gut, wir werden hundert Jahre alt! Aber in jene nur halb bewußten Schichten eines in Sprache gefaßten Denkens, wie sie die Völker wirklich voneinander trennen, drang diese Botschaft nicht. Ihr Äußeres sprach dagegen und ratlos fragten sich alle für eine Sekunde, Weiße und Schwarze, was sie hier taten, allein auf dem Meer?

 

Als der Zug in Tambacounda hielt, dachte Bou-Lai kurz daran, auszusteigen und Nachhause zu gehen, nach Süden. Er dachte daran, wie er vor drei Jahren hier angekommen war, zu Fuß, in Sandalen und einem einzigen fragwürdigen Paar Shorts. Jetzt war er reich; reich für Bassari-Verhältnisse. Selbst in Dakar hätte er von seinem Geld ein halbes Jahr leben können, ohne zu arbeiten, vielleicht sogar länger. Aber Bou-Lai war auf dem Weg nach Europa, und dort würde er wieder arm sein. Er stellte sich vor, wie er von seinem Geld in Tamba  einen Fernseher kaufen und seiner Großmutter bringen würde. Dann würde niemand mehr über ihn lachen. Gleichzeitig wußte er aber, daß es in seinem Dorf nahe Etiolo überhaupt keinen Strom gab, und der Zug fuhr mit einem Ruck weiter.

    Er hörte jetzt sehr schlecht. Die anderen mußten laut reden, wenn sie mit ihm sprachen. Aber sie redeten ohnehin laut, so aufgeregt waren sie. Alle hatten neue Papiere, Ausweise. Viele, auch Bou-Lai, zum ersten Mal in ihrem Leben, denn ohne Papiere hätte man sie nicht nach Mali hineingelassen. Die Papiere waren relativ billig gewesen, und so sahen sie auch aus, aber alle fanden sie schön. Sie zeigten sich gegenseitig ihre Fotos darin und alberten herum. In Europa hätten die Menschen ja deshalb Ausweise, weil sie sonst selbst nicht wüßten wer sie sind. Ein Europäer, der auch nur wisse, wer sein Großvater war und woher der kam, würde sich darauf schon mächtig viel einbilden und sofort anfangen, seinen Stammbaum zu zeichnen. 

Einige hatten falsche Namen angegeben und hielten sich jetzt beinahe für Spione oder sowas: Europäer könnten ohnehin einen Wolof nicht von einem Diola unterscheiden. „Könnt ihr denn einen Franzosen von einem Italiener unterscheiden? Oder einen Deutschen von einem Engländer?“ fragte Bou-Lai. Alle lachten und er war glücklich. Er sah aus dem Fenster und stellte sich vor, daß nun er eine Art Tourist war und die anderen, die da Draußen die nacktärschigen Wilden.

    In Bamako wurde es ernst. Hier bestiegen sie die LKWs und die Schlepper waren bewaffnet, wegen der Überfälle im Norden, sagten sie. In Bamako trafen sie auch die ersten wirklichen Flüchtlinge aus dem Süden. Malinke aus Sierra Leone und Gola aus Liberia, die schreckliche Geschichten erzählten und viel zu viel Gepäck bei sich hatten: Alles, was sie auf der Welt besaßen. „Jeder nur eine Tasche“, sagten die Schlepper, und die Menschen verkauften ihr letztes Hemd für einen Platz auf den Wagen. Eine junge Frau ließ sogar ihr Kind stehen und verschwand mit einem der Bewaffneten in der Dunkelheit. „Frauen haben es leichter“, sagte böse ein Mann, dessen Geld nicht reichte und der zurückbleiben mußte. „Frauen haben immer etwas, das sie verkaufen können. Und das haben sie sogar immer bei sich!“ Die jungen Männer aus dem Senegal drückten es kürzer aus: „Die fickt sich nach Europa!“ sagten sie grinsend. Das Kind, ein kleines Mädchen, sechs oder sieben Jahre alt, stand wortlos und ängstlich daneben.

 

Ein kleines Mädchen war die erste, die sie an Bord holten. Sie hatte gemerkt, am Geschrei, an der Aufregung, daß etwas Außergewöhnliches geschah. Und zum ersten Mal seit zwei Tagen hatte sie die Augen wieder aufgemacht. In ihrer kleinen Dunkelheit hatte sie gebetet. Jetzt sah sie, wie ein hellhäutiger Mann, hellhäutig wie ein Libyer, mit kurzen, schwarzen Haaren, ein Mann, der nach Zigarettenrauch und Seife roch und eine strahlend weiße Uniform trug, ins Boot hinunterstieg. 

Er nahm sie unter den Armen. Er hob sie hoch. Er lächelte ihr zu, auch seine Zähne waren weiß, und sie schämte sich, weil sie doch ihr schönes buntes Kleid schmutzig gemacht hatte. Er war ein hübscher Mann, ganz glatt und sauber. Um den Hals trug er eine dünne, goldene Kette. Sie war ganz nahe an seinem Gesicht, sie legte von selbst einen Arm um seinen Nacken und lächelte auch, aber ihre Lippen blieben geschlossen.

    Als sie ihren Kopf an seiner Schulter verbarg, küßte er sie auf die Schläfe, und sie schaute überrascht auf, sah ihn mit offenem Mund an. Sie sah, daß er Tränen in den Augen hatte, und da küßte sie ihn auf die Backe. Sie lächelte wieder und diesmal sah man ihre Zähne. Die Leute im Boot und die Soldaten oben, alle klatschten. Das war Europa.

 

Wie endlos groß war Afrika! Bou-Lai hatte in Dakar eine Karte gesehen, aber er konnte es sich nicht wirklich vorstellen. Die Wagen fuhren bei Tag und bei Nacht, die Völker ringsum wurden fremd: die Bambara, Bobo, Dogon, die Songhai und in Gao, nach zwei Tagen, die erstenTwareg. Zuerste konnte niemand schlafen, vor Aufregung, dann sehnten sie sich nach nichts als Schlaf. Steinwüsten, Sandwüsten, Schotterpisten, die so breit waren, daß die Reifenspuren links und rechts bis zum Horizont reichten. Alle hatten Angst, daß sie im Schlaf aus den Wagen fallen könnten, denn niemand war sicher, ob die Wagen deshalb anhalten würden. Sie hatten ja schon bezahlt. Bou-Lai und die anderen Männer aus dem Senegal hielten sich wach, indem sie alle europäischen Fußballclubs und ihre Spieler aufzählten. Schließlich schliefen sie schichtweise, je zwei eine Stunde.

    Zweimal am Tag gab es eine Pause, nicht für die Menschen, sondern für die Motoren. Was sie sonst erledigen mußten, mußten sie während der Fahrt erledigen, auch die Frauen. Aber es war bald nicht mehr viel zu erledigen, denn sie tranken zu wenig und aßen noch weniger. Nach einer Woche waren sie völlig fertig und Afrika nahm noch immer kein Ende. Das Gerücht, sie würden im Kreis herumgefahren, um sie weich zu machen, hätte fast eine Meuterei ausgelöst. Das war der Tag, an dem die Libyer sie übernahmen. Die Libyer fuhren Armeelastwagen und waren mit Maschinenpistolen bewaffnet. 

Es waren hellhäutige Männer mit schwarzen Bärten, sehr nervös, sehr gereizt. Niemand sprach ihre Sprache. Sie machten häufiger Pausen als die eisenharten Schlepper aus Mali, aber dafür ließen sie sich jeden Schluck Wasser einzeln bezahlen und behandelten sie überhaupt eher wie Gefangene. Für die Gola-Hure aus Liberia interessierten sich die Libyer nicht, und sie wäre verdurstet, wenn Bou-Lai und einige andere ihr und ihrer Tochter nicht Wasser abgegeben hätten. Bou-Lai tat es ohne Gegenleistung. Einer der anderen nicht. Da fragte er sich zum ersten Mal, ob noch stimmte, was er sich zwei Jahre und diese eine Woche lang vorgesagt hatte: daß sie die Starken waren, die Schlauen. Daß nur die Dummen und Schwachen Zuhause blieben.

 

Führen sich auf wie die Affen! dachte der Bootsmann und wußte, daß er ungerecht war. Weiß Gott, was er getan hätte, auf so einem Boot, nach so einer Fahrt, wenn er erst begriffen hätte, daß er gerettet war. Einige weinten, einige lachten, einer wollte ihm um den Hals fallen, ein schwitzender, stinkender Mensch aus einem fremden Erdteil. Er wehrte ihn sacht mit den Händen ab und sagte: „Okay, Okay!“

    Danach sagten alle „Okay, Okay!“ denen er die Leitern hinauf half. Die nicht mehr selbst hinaufkamen, ließ man kurzerhand in ihrem Boot, an ihrem Platz, zusammen mit den Leichen, etwa ein Dutzend, die man im Heck aufstapelte, etwas würdelos, aber notwendig. Je schneller man alle an Land brachte, desto besser. Sie nahmen das Boot in Schlepp,  nachdem sie den Kranken Wasser, Decken und Alu-Folien hinübergeschafft hatten. Ein Sanitäter und ein weiterer Soldat blieben bei ihnen.

    Der Sanitäter versuchte, sich mit den Kranken zu unterhalten, aber er verstand ihr seltsames Französisch nicht und sprach es auch selbst nur schlecht. Er probierte es dann mit ein paar Brocken Englisch und Spanisch, aber das funktionierte noch weniger. Da blieb er bei Italienisch und versuchte, durch den Tonfall Ruhe und Zuversicht auszustrahlen. 

Der andere Mann machte es besser. „Milano“, sagte er und zeigte auf sich. „Milan!“ erwiderte strahlend sein Gegenüber, „AC Milan, Nesta, Cafu, Inzaghi. Zidane, ah, Zidane!“ Nun strahlte der Mann aus Mailand, schüttelte aber zuletzt den Kopf. „No, Zidane“ – er malte mit dem Finger einen Bogen in die Luft – „Madrid!“ „Madrid, Real Madrid“, sagte wieder der andere. „Figo, Ronaldo!“ Dann schien der Afrikaner zu überlegen. „Beckham?“ fragte er. „Beckham!“ bestätigte der Europäer.

 

Je weiter sie nach Norden kamen, desto größer wurde die Gefahr, daß sie entdeckt und zurückgeschickt wurden. Schließlich fuhren sie nur noch bei Nacht. Bei Nacht erreichten sie eine stillgelegte Fabrikanlage, eine große, mit rostigen Metallplatten gedeckte Halle, in der schon drei andere Gruppen auf ihre Überfahrt warteten. Es hieß, das Meer sei keine zwei Stunden von hier, aber sie sahen es nicht, denn bei Tag durften sie nicht hinaus und bei Nacht hätten sie die Fabrik nie wieder gefunden. Nachts sahen sie nahebei im Süden die ewigen Feuer einer Ölraffinerie, zu der diese Halle einst gehört haben mußte. Manchmal kamen abends lybische, algerische, ägyptische, sogar griechische Arbeiter, um zu kaufen oder zu verkaufen und um für Geld mit den schwarzen Frauen zu schlafen.

Ihr Dolmetscher, der Verbindungsmann zu den Schleppern, den sie ironisch ‚den Reiseleiter‘ nannten, war ein über und über tätowierter Haussa, der alle Sprachen Afrikas sprach, aber keine richtig. Er sammelte ihre Papiere ein, auf die sie vor zwei Wochen noch so stolz gewesen waren. Papiere seien bei Asylanträgen und dergleichen in Europa nur hinderlich. Am sichersten sei es im Moment, sagte er augenzwinkernd, aus dem Sudan zu kommen. Wer jetzt aus dem Sudan käme, den schickten die Europäer nicht wieder zurück. Solche Tips gab er kostenlos. Kleine Kompasse und Französisch-Italienische Wörterbücher verkaufte er. Aber nur wenige konnten lesen.

Die Tage unter dem Blechdach waren entsetzlich heiß, und wenn überhaupt Wind ging, war auch sofort Sand darin. Nach einer Woche starb der erste, ein Tschi aus Ghana. Sie konnten ihn nicht beerdigen und er stank schon, als die Libyer ihn nach zwei Tagen endlich abholten. Niemand fragte, was sie mit ihm taten. Das Wasser war schmutzig und obwohl sie weiterhin wenig  aßen, grassierte der Durchfall, vor allem unter den Kindern. Der Gestank war unerträglich und noch immer durften sie nicht hinaus und auch eines der Kinder starb. Bou-Lai schlief doch noch mit der Frau aus Liberia, die Geld für ihre Überfahrt brauchte und abends sogar manchmal zu den Ölfeldern hinüberlief und erst im Morgengrauen zurückkam.

 

Es war Nacht geworden, ehe sie in Valetta einliefen. Scheinwerfer tasteten nach ihnen, blendeten sie. Funksprüche hatten sie angekündigt, Europa war auf sie vorbereitet. Sie wurden gezählt, die Lebenden, die Kranken, die Toten. Die Zähler waren Polizisten und Polizistinnen und alle trugen Gummihandschuhe. Sie sahen wieder Bewaffnete, Zäune und Stacheldraht und wußten nicht, ob sie jetzt Draußen oder Drinnen waren. Sie gingen in Trance und Angst. 

Es gab nur einen Dolmetscher für zweiundneunzig Überlebende, Menschen aus unterschiedlichen Ländern, von unterschiedlichen Völkern. Sie übersetzten sich untereinander, was der Mann sagte. Dann wurden sie getrennt, ohne daß sie sich voneinander hätten verabschieden können. Die, die noch gehen konnten, verschwanden durch eine kleine Tür des Hafengebäudes. Shuttle-Busse fuhren sie zum Flughafen und Flugzeuge brachten sie nach Sizilien, in die Lager.

Eine Ärztin ging durch die Reihen der Kranken, untersuchte sie flüchtig, dann wurden sie auf verschiedene Krankenhäuser verteilt. Endlich schnitten sie Bou-Lai die Schuhe aus Tamba von den aufgequollenen Füßen. Schwach wehrte er sich dagegen, daß man ihn auszog, aber dann bekam er eine Spritze und wußte nichts mehr von sich. Er schlief drei Tage lang.

 

Nach drei Monaten waren sie an der Reihe. Es waren noch einige Gruppen dazugekommen und über hundertzwanzig Menschen standen mitten in der Nacht am Strand bei Zuara und sahen zum ersten Mal das Mittelmeer. Ihr Boot, der Kutter, der sie hinüberbringen sollte, war zwölf Meter lang und hatte seine besten Tage gesehen. Ein Diola, der am Kap Verde bei den Fischern gearbeitet hatte, weigerte sich, an Bord zu gehen. Er hätte keine tausend Dollar bezahlt, um sich ertränken zu lassen, schrie er so laut, daß auch Bou-Lai ihn verstand, und hörte nicht auf zu schimpfen und die anderen verrückt zu machen, bis ihm ein Libyer den Gewehrkolben in die Rippen stieß.

„Wer nicht einsteigt, bleibt hier und wird verhaftet!“ übersetzte der Reiseleiter das nervöse Zischen der lybischen Schlepper. Waffen wurden entsichert, Gewehrläufe richteten sich auf die ratlosen Menschen. „Es gibt genug andere, die eure Plätze gerne nehmen. Wollt ihr wieder zurück in eure Dörfer?“ Der Dolmetscher drohte, schmeichelte, beschwichtigte. „Es ist keine lange Fahrt. Das Meer hier ist nicht der Atlantik. Es gibt keine hohen Wellen. Seid ihr Männer oder Feiglinge? Kein Erfolg ohne Risiko! Es haben schon Leute in Ruderbooten geschafft.“

Einer der Libyer nahm sein Fernglas ab und zeigte aufs Meer hinaus. Der Haussa ließ einzelne Männer hindurchsehen, und die Gemüter beruhigten sich langsam. Sie sahen ein kleines Licht auf dem Meer, ein Feuer in der Nacht und viele glaubten, dies sei schon Europa. Der Dolmetscher sagte, es sei eine Ölplattform. Von da aus noch einen Tag nach Norden lägen die Isola Pelagia, das sei dann Italien. Und selbst wenn sie die Inseln verfehlten, was kaum möglich sei, zwei Tage weiter, immer nach Norden, läge Sizilien. Drei, maximal vier Tage, bei ruhiger See, und sie seien in Europa. Wasser und Sprit reichten aber für eine Woche. Was da noch zu überlegen sei?

Die ersten sprangen ins Boot, um sich die besten Plätze zu sichern, und die Libyer lächelten verbindlich, zeigten immer wieder auf das ferne kleine Licht und rückten, wieder nur gegen Geld, einen zusätzlichen Kanister Benzin heraus. Ein junger Kanuri, der auf dem Tschad-See als Fischer gearbeitet hatte, traute sich zu, zu steuern. Der Haussa winkte ihnen noch nach in die Dunkelheit, dann lag Afrika hinter ihnen.

 

Europa war kein Land ohne Nacht. Seine Sterne waren dieselben, die er aus dem Futa Djalon kannte, nur standen sie etwas anders. Bou-Lai hatte ein wenig den Kopf hin und her drehen müssen, ehe er sie erkannte. Er kannte sonst nichts und niemanden. Er wußte nicht einmal, wo er eigentlich war. Danach fragte er immer wieder, auch auf Französisch, aber er hörte seine eigene Stimme nicht und sah Ärzte und Schwestern  nur stumm den Mund bewegen.

    Endlich kam ein junger Mann, ein Medizinstudent, auf die Idee, ihm eine Postkarte zu zeigen. Er konnte nicht lesen, was darauf stand, aber er verstand, daß er auf einer Insel war. Ihr Name hatte zwei Silben, daß sah er an den Mündern, die ihn sagten. Er hörte nichts, gar nichts. Auf seinen Ohren waren dicke Verbände, und wenn er den Kopf bewegte, hatte er das Gefühl, daß etwas glitschiges darin war. Aber was und wozu das sei, konnte ihm niemand erklären.

    Dann mußte er aufstehen und einen abgewetzten Trainingsanzug anziehen und gebrauchte Nike-Schuhe. Der Student zeigte ihm das Bild eines Flugzeugs und Bou-Lai nickte. Er würde fliegen. Wohin würde er fliegen? Der Mund gegenüber öffnete sich zu einem Wort. Er verstand es nicht. Was hieß das? Hatten sie seine Ohren operiert? Würden sie ihn operieren? Würde er je wieder etwas hören? Und was, was würde er hören?

 

So vorsichtig sie sich auch bewegten, immer wieder kam Wasser über. Am ersten Tag war das Meer wirklich ruhig, danach wurde es windig und bald schöpften sie ununterbrochen, mit Flaschen, Tassen und Schuhen. Trotz allem sackte das Boot langsam tiefer. Der Kanuri hielt das Steuer zwei Tage lang fest und konnte sich dann nicht mehr bewegen. Am dritten Tag war allen klar, daß sie die Inseln verfehlt hatten. Sie versuchten, weiter nach Norden zu steuern, aber ihre Kompasse, Schlüsselanhänger made in Hongkong, zeigten verschiedene Richtungen an. Zweimal sahen sie Schiffe und winkten und riefen, aber die anderen sahen sie nicht oder wollten sie nicht sehen. Am fünften Tag hatten sie die aufgehende Sonne im Gesicht, das konnte nicht richtig sein. Das war der Tag, an dem der Motor seinen Geist aufgab.

    Als keine Fahrt mehr im Boot war, spürten sie die Wellen viel stärker, und die Seekrankheit, die bis dahin nur einzelne gehabt hatten. packte fast alle. Sie saßen und lagen jetzt buchstäblich in ihrer eigenen Kotze, schöpften sie mit dem Wasser aus. Die bisher stark gewesen waren, wurden am schnellsten schwach. Einmal sangen sie, in der Nacht, um sich Mut zu machen, aber all die verschiedenen Sprachen und Lieder erzeugten ein Durcheinander, das es nur schrecklicher machte. Das Trinkwasser ging ihnen aus und das Sterben begann.

    Am sechsten Tag starb ein kleines Mädchen, als nächster ihr Steuermann, der aus seiner krampfartigen Starre nicht wieder aufgetaucht war, nicht einmal um zu trinken. Danach starben jeden Tag, jede Nacht einer oder zwei an Erschöpfung. Sie warfen die Leichen über Bord. Einige tranken ihren Urin, aber sie erbrachen danach nur noch schlimmer. Ein Mann aus Sierra Leone, ein unglaublich dummer Mensch, gestand erst jetzt, daß er ein Handy dabei hatte. Da bekamen sie wieder Hoffnung, für einige Stunden. Es war grotesk, wieviele Telefonnummern nun zum Vorschein kamen: Verwandte in Spanien, Frankreich, Deutschland, von denen bisher nie die Rede gewesen war. Die Adressen von Missionaren, Rucksacktouristen, entferntesten Freunden, flüchtig notiert auf alle möglichen kleinen Zettel. Einer machte ernsthaft den Vorschlag, seinen Bruder in Norwegen anzurufen, da lachten manche zum ersten Mal wieder. Das italienische Rote Kreuz, die Zentrale in Rom, schien ihnen aussichtsreicher, aber es kam keine Verbindung zustande, so oft sie auch wählten, und bald war die Batterie leer.

    Am achten Tag, als der Nebel kam, hatten nur noch wenige Männer Kraft genug, um die Leichen über Bord zu werfen, Wasser zu schöpfen oder auch nur um Hilfe zu rufen. Bou-Lai hörte jetzt gar nichts mehr, Eiter kam aus seinen Ohren. Er blickte hinaus in die feindliche graue Welt. Es mußte längst wieder Tag sein, der neunte Tag, aber der Nebel hing zäh am Meer oder das Meer am Nebel.

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