Daniel Twardowski
Daniel Twardowski

Giordano Bruno – Die Spuren des Ketzers

 

 

Giordano Bruno ist so etwas wie der Che Guevara der Philosophiegeschichte. Herzlose Kritiker behaupten sogar, daß er seine Popularität nicht seiner Philosophie, sondern seiner spektakulären Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen verdankt. Mit Hilfe, z.T. aber auch gegen die Thesen der etablierten Bruno-Forschung entwirft die vorliegende Arbeit ein spannendes, detailreiches Zeit- und Persönlichkeitsbild dieses „Fürsten der Ketzer“, des Jahrhunderts, in dem er lebte und der Jahrhunderte, in denen er wirkte.

 

Im ersten Band werden die Spuren Giordano Brunos in zweierlei Hinsicht aufgenommen: in der vierhundertjährigen Rezeptionsgeschichte – und dort, wo sie beginnen: im 16. Jahrhundert.

    Buch eins verfolgt nach einer kurzen Einleitung in die Kosmologie Brunos die Rezeption seines Schicksals und seiner Philosophie vom 17. bis zum 20. Jahrhundert. Eine in solcher Ausführlichkeit noch nirgendwo vorliegende Zusammenfassung der Bruno-Rezeption in Deutschland wird dabei immer wieder ergänzt durch den europäischen Kontext. In großem Umfang werden Quellen und Forschungstexte der Rezeptionsgeschichte herangezogen, darunter viele, die bis heute wenig oder gar keine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Dadurch werden nicht nur diverse Forschungslücken geschlossen, sondern auch insgesamt die Tendenzen, Paradigmen und Interpretationschauvinismen beleuchtet, denen die Bruno-Rezeption im Laufe der Jahrhunderte unterlag.

Buch zwei beschreibt den Werdegang und Lebensweg Giordano Brunos bis 1585 und gelangt dabei zu einer ersten Hauptthese darüber, wie der Nolaner wurde was er war: ein philosophischer Manierist oder manieristischer Philosoph. Nach einer Einführung in Intentionen, Themen, Formen sowie die zeit- und geistesgeschichtlichen Hintergründe des Manierismus wird Brunos Zugehörigkeit zu dieser Kulturströmung anhand seiner Gedächtnisschriften und seiner Italienischen Dialoge diskutiert. Dabei wird die Einzigartigkeit des Nolaners durch sein Zusammendenken von Wirklichkeit und Möglichkeit erklärt, gleichzeitig aber auch sein Eingebundensein in das intellektuelle, künstlerische, politische und religiöse Klima seines Zeitalters anhand von Bezügen zu den Biographien zahlreicher Zeitgenossen sowie zur Emblematik, Commedia dell’Arte, zum Euphuismus, Petrarkismus, Hermetismus u.v.m. vorgeführt.

 

Der zweite Band nimmt Brunos Aufenthalt in Deutschland von 1586 bis 1591 ausführlicher in den Blick, als es jemals zuvor geschehen ist.

    Buch drei beschreibt den Weg des Nolaners durch Deutschland und die ökonomischen, intellektuellen, politischen, religiösen und akademischen Gegebenheiten, die er auf seinen Stationen vorfand. Gezielt werden dabei die in der Forschung so oft wie gern geäußerten Mutmaßungen über Brunos weitreichende Kontakte und seine Wirksamkeit in England mit seinen nachweisbaren Bekanntschaften in Deutschland konfrontiert. Das Neben- und Gegeneinander von Lebenswegen und –entwürfen deutscher Schriftsteller und Gelehrter wie Nikodemus Frischlin, Johann Major, Georg Mylius, Martin Crusius u.v.a. öffnet ein kultur- und sozialhistorisches Fenster in die gelehrte Welt um 1600. Dabei werden zahlreiche Klar- und Richtigstellungen biographischer, chronologischer und quellenkritischer Natur vorgenommen, etwa eine eingehende Charakterisierung der sogenannten Magischen Schriften Brunos, die Identifizierung seiner Helmstedter Gegner, die von der Bruno-Forschung seit hundert Jahren nicht zur Kenntnis genommen wurde u.v.m. Insbesondere kann deutlich gemacht werden, daß Bruno in den Jahren 1586 bis 1588 geradezu einen ‚Werbefeldzug‘ für seine Vorstellung vom unendlichen All führte – während die gleichzeitige Parallelisierung seines Wanderlebens mit den Schicksalen John Dees, Francesco Puccis u.a. zeigt, wie schwer es diese große Idee in der Konkurrenz zu den damals populären magischen und alchemistischen Weltentwürfen hatte.

    Buch vier widmet sich der eingehenden literaturwissenschaftlichen Analyse der in Deutschland entstandenen Lateinischen Lehrgedichte Giordano Brunos. Hier kann anhand formaler, metrischer und rhetorischer Untersuchungen nachgewiesen werden, daß Bruno mit seinem Einsatz paralogischer Stilmittel dem literarischen Manierismus seiner Zeit wesentlich näher steht als der hermetischen Tradition. Die Analyse literarischer Aspekte und Bezüge von Lukian bis Ariost legt auch nahe, daß die Veröffentlichung dieser Schriften nicht der Reihenfolge ihrer Entstehung entspricht. Ein umfangreicher Exkurs geht zudem der in der Forschung meist nur aphoristisch angerissenen Frage nach, ob und wie Bruno im Kontext indischer Weisheitslehren, schopenhauerscher Philosopheme und atomphysikalischer Denkmodelle gelesen werden kann.

 

Band 3 beschäftigt sich mit den unmittelbaren und mittelbaren Wirkungen Giordano Brunos an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert. Dabei werden am Beispiel seiner Schüler, Leser, Gegner und Richter die vielfältigen Verflechtungen innerhalb der res publica literaria der Frühen Neuzeit vorgeführt.

    Buch fünf schildert die letzten Wege und Pläne des Nolaners und den langwierigen Inquisitionsprozeß, der mit seiner Ermordung endete. Gleichzeitig werden anhand der Karrieren seiner unmittelbaren Schüler signifikante Zusammenhänge in der Gelehrtengeschichte um 1600 vermittelt: von der philiströsen Wissenschaftsauffassung eines Hieronymus Besler, über die alchemistischen und religiösen Verstrickungen verhaftete Gelehrsamkeit Raphael Eglins bis zur zumindest für die Bruno-Rezeption zukunftsweisenden Rolle des Philologen Valens Acidalius.

    Buch sechs erweitert den Blick von der Gelehrten- auf die Wissenschafts- und allgemeine Zeitgeschichte. Am Beispiel Keplers und Galileis wird dabei der Kampf der jungen Naturwissenschaft gegen den überschäumenden Irrationalismus des neuen Jahrhunderts, anhand der Bruno-Förderer Rudolf II. und Heinrich Julius von Braunschweig aber auch die Verbindung dieses Irrationalismus mit der politischen Elite dargestellt. Eine so rational-irrationale Figur wie der Bruno-Gegner Kaspar Schoppe wird zur Sonde in eine Zeit, in der machthungrige Macchiavellisten zwar die staatliche Souveränität neu erfinden, sie aber gleich wieder im Chaos des 30jährigen Krieges begraben. Im Vergleich zwischen Giordano Bruno und Galileo Galilei enthüllt sich abschließend der Stiftermythos des ‚Falles Galilei‘ für die Neuzeit, gleichzeitig aber auch die Tatsache, daß damit nur eine naturwissenschaftliche Variante des von Bruno so vehement abgelehnten Anthropozentrismus die Macht ergreift und jeden anderen Denkansatz in die historische Obskurität verbannt.

 

Status: Veröffentlicht unter o.g. Titel im ibidem-Verlag Stuttgart 2007 (3 Bde. Mit 1395 Seiten und 203 Abbildungen). Lieferbar.

 

 

 

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© Daniel Twardowski